Duna’s Geschichte

dunas_geschichteWar ich nun vom Wahnsinn getrieben? Konnte ich den Tod meines so geliebten Anthes nicht verkraften?

Oder konnte ich tatsächlich anhand eines kleinen Fotos, nicht größer als 2 x 2 cm in einer obendrein ausgesprochen schlechten Qualität „meinen“ Hund erkennen? Wer oder Was trieb mich dazu an, 1500 km (einfache Strecke) mit einem nicht besonders komfortablen Kleinwagen zu fahren um einen 10 Jahre alten Hund, von dem ich nichts wusste, zu übernehmen? Wie dem auch sei, als ich dann endlich an meinem Zielort in der Toskana angekommen war, bot sich mir ein grauenhafter Anblick. Eine Unzahl an geschundenen Kreaturen liefen dort umher, mit gelähmten Hinterläufen, verkrüppelten Beinchen, amputierten Gliedmaßen, Einäugige oder gar ganz Blinde, frisch operierte mit Halskrausen, total verängstigte und scheue Tiere, Mutterhündinnen mit Welpen, die so ausgemergelt waren, dass sie sich selber kaum auf den Beinen halten konnten … und irgendwo darunter sollte meine Duna sein.

Ein unfassbarer Anblick, der sich wohl nie aus meinem Gedächtnis vertreiben lassen wird. Bei mir, als „deutsche Tierschützerin“ mit einem extrem hohen Anspruch an einen respektvollen Umgang und an eine optimale Versorgung von Tieren, machte sich ein Schock ähnlicher Zustand breit. So Knall auf Fall mit der Realität des Auslandstierschutzes konfrontiert zu werden war einfach zu viel. Aber mir wurde auch schnell bewusst, was diese Menschen dort leisteten. Sie kämpften um jedes einzelne Tierleben, doch leider fehlte es im Besonderen am ausgebildeten Fachpersonal für die Pflege und die medizinische Versorgung der Tiere. Dennoch hatte ich große Hochachtung vor eben diesem respektvollen Umgang mit dem Leben. So wurde mir einmal mehr bewusst, was für eine sensible und verantwortungsvolle Aufgabe uns die Möglichkeit der Tiereuthanasie doch stellt. Aber ich schweife ab, der Tierschutz soll hier eigentlich gar nicht mein Thema sein.

Duna, ich entdeckte sie schlafend im Türeingang eines alten im toskanischen Stil erbauten Hauses. Ein großes schattenspendendes Vordach ragte über die gesamte Längsseite des Hauses hinaus und unterbrach diesen Stil je. Überall unter diesem Vordach hatte man Teppiche, Sessel und Körbe verteilt, damit sich die Hunde dort der heiß brennenden Sommersonne entziehen konnten. Im Inneren des Hauses lebten zwei Tierpflegerinnen und versorgten von dort aus die Hunde. Duna jedoch hatte das Privileg im Hausinneren auf den kühlen Fliesen liegen zu dürfen und bald sollte mir auch klar werden warum dass so war. Nie werde ich diesen Moment vergessen, noch heute treibt mir der Gedanke daran die Tränen in die Augen.

Als mein Blick den schlafenden Hund in dem Türeingang dieses alten toskanischen Hauses entdeckte, fing mein Herz an zu rasen und ich wusste sofort, dass war Duna, die dort lag. Ich ging direkt auf sie zu und hockte mich zu ihr hinunter, doch es kam keine Regung von ihr. Panik machte sich bei mir breit, ich faste sie vorsichtig an – nichts – ich begann sie sanft zu rütteln und mit ihr zu sprechen und plötzlich hob Duna sehr schwerfällig, es schien fast mit letzter Kraft zu sein, ihren Kopf und versuchte mich anzuschauen, zu sehen wer da so liebevoll zu ihr sprach, doch ihr Bick war leer, sie war blind. Aber dann sah ich wie sie langsam ihr kleines Stummelschwänzchen auf und ab bewegte und ich wusste sie hatte mich erkannt. Ein unwohles Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit und mein Kreislauf schien mir wegsacken zu wollen, so hangelte ich mich langsam auf einen zwei Schritt hinter mir stehenden Sessel um mich wieder zu fangen. Als ich runter schaute, lag Duna dicht bei mir, in einem Hundekorb der zu meinen Füßen stand. Bis heute weiß ich nicht, wie sie es geschafft hatte dort hin zu gelangen. Ich streichelte sie wieder und versuchte mit einigermaßen fester und liebevoller Stimmer zu ihr zu sprechen, obwohl ich schwer mit den Tränen zu kämpfen hatte, aber ich wusste ich musste jetzt stark sein und ich wollte so schnell wie möglich mit Duna nach Hause fahren. Dazu mussten allerdings erst noch einige Formalitäten erledigt werden, wobei sich heraus stellte, dass Duna keine 10 Jahre alt war sondern bereits ein stattliches Alter von 13 Jahren erreicht hatte. Aber das war jetzt eh egal, denn Duna war „mein“ Hund!

Doch wie sollte ich sie diesen ewig lang erscheinenden leicht ansteigenden Weg hinauf bis zu meinem Auto bekommen? Es waren vielleicht 200 Meter aber sie kamen mir wie 2 Kilometer vor. Ich schaute verzweifelt den Weg hinauf und schaute besorgt zu Duna hinunter, die immer noch in dem Hundekorb lag und inzwischen wieder fest eingeschlafen war. Sie schien jedoch meinen Blick und meine Bedenken zu spüren, denn plötzlich hob sie ihr Köpfchen und drehte es in meine Richtung, dann begann sie sich mühselig aus dem Korb zu erheben und stellte sich so fest es ging auf ihre vier Beine, fing an mit der Rute zu wedeln und signalisierte mir sie sei bereit und sie schaffe das. Mit einigen Pausen quälten wir uns den Weg hinauf, bis wir endlich mein Auto erreicht hatten, ich hob sie hinein und als ich Duna da so ermattet im Auto liegen sah machte ich mir große Sorgen, ob sie die lange Fahrt überhaupt überstehen würde.

Am nächsten Tag um 07.00 Uhr in der Früh hatten wir es geschafft, wir waren endlich Zuhause! Um 11.00 Uhr befand ich mich mit Duna bereits im Behandlungsraum meiner vertrauten Tierärztin. Mit Tränen in den Augen standen wir uns beim Anblick von Duna gegenüber und beteten für ein Wunder. Auch diese Momente werden mich ewig begleiten, mit so viel Mitgefühl und Liebe behandelte meine Tierärztin meine alte Hundedame, wir kämpften um jeden Atemzug – und – es hat sich gelohnt, Duna kam wieder zu Kräften! Und es folgten unsere zwei schönsten (Hunde-)Jahre.

Mit Freuden erinnere ich mich daran zurück, wie selbstbewusst und trotz ihrer Blindheit, wie schnell sie sich in unserem Leben zurecht fand und es in vollen Zügen genoss. So stolz war ich auch auf meine anderen Hunde, sie begrüßten Duna und nahmen sie direkt in ihrer Mitte auf – das sind eben Spinoni!

Mit welch einer Lebensfreude und welch einem Elan Duna wieder in der Lage war auf mich zuzurennen und um mich herum zu hopsen, wenn ich z.B. vom Einkaufen zurück kehrte, niemand hätte das je für möglich gehalten.

Oder wie sie ganz klar ihren Unmut kund tat, wenn sie mal nicht bei mir sein konnte – was ich im Übrigen auch ganz entsetzlich fand, denn ich wusste all zu viel Zeit würde uns wohl
nicht vergönnt sein und wir hatten doch noch so viel nachzuholen. Jede Sekunde hätte ich mit ihr teilen wollen.

Und wie sie auf einem Spaziergang plötzlich die Nase in den Wind hob und mir zeigte was für ein tüchtiger Jagdhund sie noch war. Oder, wenn Herrchen nach einer erfolgreicher Jagd nach Hause kam und unsere alte Duna dann so lange an seinen Hacken klebte bis sie endlich IHR Stückchen von der Beute abbekam.

Duna, unsere alte Spinoncina, die ihr Leben eigentlich schon aufgegeben hatte – zu erleben wie die Lebenskraft und Lebensqualität wieder zu ihr zurück kehrten, wie sie uns uneingeschränktes Vertrauen und Zuneigung entgegenbrachte, wie sie unsere Herzen zum Lachen brachte, das sind die Zeichen dafür, dass alles richtig war und ich jeder Zeit und immer wieder alles Menschenmögliche auch für einen alten Hund geben werde.